Israel-Militär ist im Westjordanland: "Mit Gaza fertig, jetzt kommen sie zu uns"
Aus sicherer Entfernung beobachten einige Bewohner des Flüchtlingslagers Dschenin, wie palästinensische Krankenwagen und israelische Militärfahrzeuge aus der besetzten Stadt im Westjordanland ein- und ausfahren. Andere verlassen die Stadt mit müden Gesichtern und den wenigen Habseligkeiten, die sie mit sich tragen.
"Mit Gaza sind sie fertig, jetzt kommen sie zu uns ins Westjordanland und nehmen an uns Rache"
Ala'a Aboushi, der am Eingang des Lagers wohnt, reicht den anwesenden Journalisten kleine Papierbecher mit schwarzem arabischen Kaffee. "Mit Gaza sind sie fertig, jetzt kommen sie zu uns ins Westjordanland und nehmen an uns Rache", sagt er mit Blick auf die israelischen Soldaten zur DW. "Wir Zivilisten fühlen uns hier nicht mehr sicher."
Am 21. Januar, unmittelbar nachdem das Geiselabkommen und die vorübergehende Waffenruhe in Gaza in Kraft traten, hatte der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu eine "groß angelegte und bedeutende militärische Operation" gegen palästinensische Kämpfer in Dschenin im von Israel besetzten Westjordanland angekündigt. Israel betrachtet das Flüchtlingslager als Hochburg militanter Palästinenser.
Menschen fürchten, das Westjordanland könnte zu einem zweiten Gaza werden
Seitdem hat Israel seine Militäroffensive nach und nach auf andere Städte und Ortschaften in der Gegend ausgeweitet. Auch Tulkarem ist betroffen, eine weitere größere Stadt im Nordwesten des Westjordanlands. Die Stadt beherbergt zwei Flüchtlingslager: Tulkarem und Nur Schams waren nach der Gründung des Staates Israel im Jahr 1948 errichtet worden, um vertriebene Palästinenser aufzunehmen.
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Die Gegend war schon öfter Schauplatz von Anti-Terror-Operationen der israelischen Verteidigungsstreitkräfte IDF. Seit dem Terrorangriff der Hamas auf den Süden Israels am 7. Oktober 2023 sind diese Vorstöße zahlreicher und umfangreicher geworden. Der jüngste Einsatz der IDF fiel auf den Tag der Amtseinführung von US-Präsident Donald Trump, der angekündigt hat, sich bald zu den israelischen Plänen zur Annektierung des Westjordanlands zu äußern.
Zur erneuten Offensive gehören Luft- und Bodenangriffe, die Zerstörung von Infrastruktur und Wohnhäusern, Massenvertreibungen, Tote und Verhaftungen. Die Menschen hier fürchten, das Westjordanland könnte zu einem zweiten Gaza werden.
"Das Flüchtlingslager Dschenin wird nicht mehr sein, wie es vorher war"
"Die IDF geht, wie wir heute gesehen haben, entschieden im Flüchtlingslager Dschenin vor, um sich den Terroristen in den Weg zu stellen und die Infrastruktur des Terrors zu zerstören", sagte der israelische Verteidigungsminister Israel Katz bereits am 29. Januar und deutete damit eine mögliche Verschiebung der israelischen Vorgehensweise an. "Das Flüchtlingslager Dschenin wird nicht mehr sein, wie es vorher war. Nach Abschluss der Operation werden IDF-Streitkräfte im Lager bleiben, um sicherzustellen, dass der Terror nicht zurückkehrt."
Die Operation startete, nachdem bereits palästinensische Sicherheitskräfte im Lager gegen palästinensische Kämpfer vorgegangen waren. Die Palästinensische Autonomiebehörde verfügt in manchen Teilen des besetzten Westjordanlands nur über eingeschränkte Befugnisse. Laut Vereinten Nationen wurden bislang mehr als 40.000 palästinensische Flüchtlinge gewaltsam aus ihren Lagern vertrieben.
"Jedes Mal ist es heftiger als zuvor. Wir haben alle vor Angst und Schrecken geschrien"
Laut OCHA, dem Amt der Vereinten Nationen für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten, wurden seit Beginn der Offensive mindestens 39 Palästinenser getötet, darunter 25 in Dschenin, zehn in Tubas und vier in Tulkarem. Zu den Getöteten zählen Kämpfer ebenso wie Zivilisten. Auch eine 23 Jahre alte schwangere Frau und ein Kleinkind waren darunter. Israelischen Medienberichten vom Donnerstag zufolge töteten die israelischen Streitkräfte im Verlaufe der andauernden Operation über 60 palästinensische Terroristen und verhafteten mehr als 210.
Umm Mohammed lebt im Flüchtlingslager Tulkarem und hat schon viele israelische Vorstöße miterlebt. Doch diese würden zunehmend gewaltsamer, berichtet sie der DW. "Jedes Mal ist es heftiger als zuvor. Wir haben alle vor Angst und Schrecken geschrien." Es sei ziellos und überall geschossen worden, erzählt sie. Nach einigen Tagen seien sie aufgefordert worden, ihr Haus zu verlassen.
"In meinem Haus sollte ich mich sicher fühlen können. Da kommt ein Besatzungssoldat und wirft mich aus meinem Haus"
Seitdem teilt Umm Mohammed mit ihren Kindern und Enkeln zwei Zimmer im örtlichen Sportverein, in dem Vertriebene untergekommen sind. Private Kleider- und Deckenspenden stapeln sich am Eingang. Auf einem Fernsehgerät läuft ein Livestream von Zuhause, der Stadt, den Flüchtlingslagern Tulkarem und Nur Schams. Die Kinder versuchen, zumindest einen Teil ihrer Schulaufgaben online zu machen, denn die meisten der von den Vereinten Nationen geführten Schulen für Flüchtlingskinder sind geschlossen.
Ahmed ist einer der Söhne Umm Mohammeds. Er ist überzeugt, dass es Israel nicht nur auf Kämpfer abgesehen habe. "In meinem Haus sollte ich mich sicher fühlen können. Da kommt ein Besatzungssoldat und wirft mich aus meinem Haus. Mit welchem Recht? Sind hier bewaffnete Personen zu sehen?" Es sei ihm nicht erlaubt worden, das Lager mit seinem elektrischen Rollstuhl zu verlassen, fügt er hinzu. Nun sei er auf die Hilfe anderer angewiesen.
"In Übereinstimmung mit den Anweisungen der politischen Führung wurde beschlossen, die Verfahren zu ändern"
Zudem sei die Flucht aus dem Lager schwierig gewesen, denn die Straßen waren stark zerstört, berichtet die Familie. Im Osten von Dschenin sprengte die Armee fast 20 Gebäude gleichzeitig in die Luft, weil diese als Beobachtungsposten, Sprengstofflabore und sonstige terroristische Infrastruktur gedient hätten. Viele hier erinnert das an die Verwüstung in Gaza.
Die jüngste Offensive wird begleitet von Sperrungen und langen Wartezeiten an den israelischen militärischen Kontrollpunkten im gesamten Westjordanland, die den Alltag der rund drei Millionen Bewohner erheblich beeinträchtigen. Gegenüber der DW bestätigte das israelische Militär die Verschiebung des Fokus auf das Westjordanland.
"In Übereinstimmung mit den Anweisungen der politischen Führung" sei beschlossen worden, "die Verfahren zu ändern" und "die Kontrollen an den Kontrollpunkten an den Straßen von Judäa und Samaria auszuweiten". Das Westjordanland wird in Israel als Judäa und Samaria bezeichnet.
Zurück in Tulkarem, wo mehrere Straßen in Richtung Stadt ebenfalls vom israelischen Militär gesperrt wurden. Umm Mohammed erzählt, sie verfolge jeden Tag die Nachrichten und warte voller Ungeduld darauf, wieder nach Hause zurückkehren zu können. Und sie mache sich Sorgen um ihre Haustiere. Fünf Katzen und mehrere Wellensittiche habe die Familie zurücklassen müssen. "Wir haben etwas Futter für sie dagelassen, sind jetzt aber schon mehr als eine Woche lang weg. Ich habe Angst, dass sie tot sind, wenn wir zurückkommen."
Ihr gesamtes Viertel wurde geräumt, also gebe es niemanden, der sich um die Tiere kümmern könnte. Und niemand ist da, der weiß, wie lange es noch so weiter geht.
Adaptiert aus dem Englischen von Phoenix Hanzo.
Von Tania Krämer
Das Original zu diesem Beitrag "Westjordanland: Die Angst vor einem zweiten Gaza" stammt von Deutsche Welle.