Um 18.09 Uhr stellen sich ARD und ZDF auf neue AfD-Realität in Deutschland ein
Ob die Deutschen ihren Bundestag liebhaben werden, kann an diesem Tag noch niemand sagen. Sicher ist: Er wird ihnen weniger teuer werden. 125 Millionen Euro Einsparung im Jahr erwartet das Institut der Deutschen Wirtschaft. Der neue Bundestag wird nur mehr 630 Abgeordnete haben, 103 weniger als vor der Wahl. Wie viele Abgeordnete welche Partei stellen wird? Da sind sich ARD und ZDF an diesem Wahlabend sehr lange sehr uneins. Neu ist in jedem Fall der Umgang mit der AfD. Nach der Partei des Wahlsiegers, es spricht CDU-Generalsekretär Carsten Linnemann, und der Partei des Wahlverlierers, es spricht SPD-Generalsekretär Matthias Miersch, bekommt die AfD viel Öffentlichkeit – auch bei den Öffentlich-Rechtlichen.
In die Berichterstattung über den Wahltag investieren ARD und ZDF viel – durchaus auch viel Kompetenz. Im sportlichen Wettstreit der öffentlich-rechtlichen Sender geht das ZDF in Führung. „Der Sekt ist geöffnet bei der AfD“, erfährt der Zuschauer schon um 17.54 Uhr, sechs Minuten vor der ersten Prognose heißt es hier: „Der Sekt könnte gar nicht ausreichen.“
Um 18.09 Uhr holt das ZDF Alice Weidel vor die Kamera
Tatsächlich präsentiert sich die AfD an diesem Wahlabend vor Kraft strotzend. Und die öffentlich-rechtlichen Sender stellen sich schnell auf die neue Realität ein. Schon um 18.09 Uhr holt das ZDF die AfD-Kanzlerkandidatin Alice Weidel zum ausführlichen Gespräch vor die Kamera. „Es hat so viel Spaß gemacht“, jubelt Weidel und verrät dem Zuschauer: „Es war toll!“ Sie versichert, dass die Hand der AfD immer ausgestreckt sei in Richtung Union und Friedrich Merz, „um dem Wählerwillen zu entsprechen“.
Ganz ähnlich äußert sich für die AfD Bernd Baumann, der nur 20 Minuten später im Ersten ausführlich zu Wort kommt. „Merz soll’s mal mit SPD und Grünen versuchen“, sagt Baumann flapsig, „mal gucken, wie lange sich Merz sträubt.“
Auch der parlamentarische Geschäftsführer der AfD-Fraktion spricht vom „Wählerwillen“, den es umzusetzen gelte, ganz wie seine Kandidatin Weidel zuvor im ZDF. Doch reagiert das Erste deutlich schneller– und antwortet mit einem sehr konkreten Umfrageergebnis. Den Wählerwillen gibt es da nur mit gut 90 Prozent bei der AfD. Für alle anderen Parteien zeigt die Umfrage eine eindeutige Absage an eine Zusammenarbeit von Union und AfD. Das ist durchaus souverän, wie das Erste eine Politikerbehauptung mit einem Live-Faktencheck begegnet.
Wagenknecht: Stimmungsschwankung mit der Fernbedienung in der Hand
Fürs Bündnis Sahra Wagenknecht lohnt sich an diesem Abend das Umschalten. Es erlebt Stimmungsschwankungen mit der Fernbedienung in der Hand. Zunächst sieht man bei der Wahlparty ohne Partystimmung ARD – mit einer Prognose, die den Stimmungskiller gibt. Mit 4,7 Prozent ist die Partei nicht im Bundestag. Und damit steht die Parteiengründerin vor dem Abschied aus der Politik, den sie angekündigt hat für den Fall, dass ihre Partei an der Fünf-Prozent-Hürde scheitert.
Das ZDF gibt neue Hoffnung. Hier liegt das BSW bei exakt fünf Prozent. Da appelliert Amira Mohamed Ali, die Reste Zuversicht nicht aufzugeben. „Hoffen wir mal, dass der Abend so endet, wie die Stimmung jetzt ist“, zeigt sich Sahra Wagenknecht selber um 18.30 Uhr im ZDF schon sehr skeptisch.
ARD und ZDF: Zwei Sender, zwei Regierungsoptionen
„Den Tag der Entscheidung“, verspricht das Erste. „Ein absehbar sehr spannender Wahlabend“, heißt das beim ZDF. Tatsächlich berichten die beiden öffentlich-rechtlichen Fernsehsender über grundlegend verschiedene Zukunftsprognosen für die Politik in diesem Land.
Das Erste sortiert schon mit der ersten Prognose die FDP und das BSW aus. Beide scheitern an der Fünf-Prozent-Hürde. Damit ergibt sich für Union und SPD rechnerisch das Potenzial für eine Regierungskoalition zu zweit.
Ganz anders das ZDF. Hier sieht man noch bei der zweiten Hochrechnung um 19 Uhr beide Parteien bei exakt 5,0 Prozent. Und damit wäre nur eine Dreier-Konstellation in der Lage, Deutschland zukünftig zu reagieren.
Und wo bleibt Christian Lindner?
Entsprechend zurückhaltend bleibt an diesem Abend der Mann, der die Ampelkoalition ins Aus manövriert hat. Wo bleibt Christian Lindner? FDP-Fraktionsvorsitzender Christian Dürr stellt sich erst um erst um 19.20 Uhr der ZDF-Kamera. „Christian Lindner hat im November Mut bewiesen“, lobt Dürr seinen Vorsitzenden. „Das wird ein spannender Abend“, gibt er die Hoffnung nicht auf, „ich bin immer Optimist.“
Um 18.25 Uhr zeigt das Erste dann Christian Lindner vor seinen Parteifreunden. Dafür unterbricht der Sender dann auch ein Interview. „Heute hat Deutschland ein neues Parlament gewählt, weil wir Freie Demokraten unserem Land einen neuen Anfang ermöglichen wollten“, feiert sich der FDP-Vorsitzende. Der Applaus bleibt verhalten. „Wir sind in das volle Risiko gegangen, wir zahlen selbst einen hohen Preis dafür. Für Deutschland aber war diese Entscheidung richtig.“
Da nimmt der Applaus zu. Beim Lob für die Wahlhelfer klingt es schon fast ein wenig nach Jubel. Wie hoch der Preis für seine Partei sein wird, wird an diesem Abend noch lange offen bleiben.