„Ich geh dann mal in Rente“: Wir haben neben der Gen Z ein Babyboomer-Problem
Vor einigen Tagen postete ich meine jüngste Kolumne für FOCUS online auf LinkedIn. Ich schrieb dazu einen Vorspann, der mit der Wiedergabe der kruden Gedankenwelt viel zu vieler Vertreter der Generation Z begann, die nicht merken, wie widersprüchlich sie ticken. „Ich will Karriere, aber in Teilzeit. Ich will arbeiten, aber ohne Leistungsdruck. Ich will Erfolg, aber ohne Stress.“ Was nach einem Witz klingt, ist die Realität in Bewerbungsgesprächen und Standard unter jungen Menschen in Bezug auf ihren Broterwerb.
Fakt ist: Angehörige der Gen Z haben eine unfassbar hohe, teils abstruse Anspruchshaltung an ihre Arbeitgeber in Bezug auf Gehalt, Urlaubstage, Work-Life-Balance, Flexibilität, Homeoffice und „Sinnhaftigkeit“ ihres Schaffens, möglichst auch des Unternehmens, in dem sie tätig sind oder sich bewerben. Die Firma muss mindestens (!) einen festen Beitrag zu sozialer Gerechtigkeit, Nachhaltigkeit und zur Weltrettung liefern, sonst kommt sie als Arbeitsplatz nicht in Frage.
Generation Z: Gerade mal 43 Prozent geben ihr Bestes im Job
Im Gegensatz dazu hapert es mit der Leistungsbereitschaft: Gerade mal 43 Prozent der Z-ler, also deutlich weniger als die Hälfte, geben einer recht neuen und seriösen Umfrage zufolge ihr Bestes im Job. Viele tun nur das Nötigste und halten Überstunden für Teufelszeug.
Susanne Nickel ist Rechtsanwältin, Wirtschaftsmediatorin und Expertin für Arbeit und Wandel. Ihre Erfahrung sammelte sie in ihrer langjährigen Tätigkeit als Managerin und Beraterin sowohl in nationalen als auch internationalen Unternehmen und Konzernen. Sie ist in fast allen DAX 30-Unternehmen viele Jahre ein- und ausgegangen. In ihrer Kolumne schreibt Susanne Nickel über gesellschaftliche Veränderungsprozesse und den Wandel in der Arbeitswelt.
Ich schrieb zu dem Posting weiter: „Unternehmen müssen sich immer mehr anpassen – aber wo bleibt der Einsatz der Mitarbeiter?“ Ich halte das für eine völlig berechtigte Frage, auf die wir als Gesamtgesellschaft eine Antwort finden müssen, wenn wir wollen, dass unser Wohlstand erhalten wird, unsere Volkswirtschaft nicht weiter abschmiert und Unternehmen in Deutschland bleiben, statt ins Ausland abzuwandern.
Es ist gut, richtig und verständlich, dass junge Leute nicht in die Burnout-Falle ihrer Eltern tappen wollen und sich für Klima- und Umweltschutz engagieren. Doch zur Wahrheit gehört eben auch: Wer sich etwas leisten will, muss bereit sein, etwas zu leisten! Wer Karriere will, muss Verantwortung übernehmen – und nicht nur fordern!
Wer sich verweigert, wird irgendwann von motivierten Menschen überholt! Und übrigens: Maßnahmen für die Sicherung sozialer Gerechtigkeit, Nachhaltigkeit und zur Rettung der Welt kosten viele Milliarden. Die aber kommen nur dann in die Staatskasse, wenn die Wirtschaft brummt und Steuereinnahmen fließen. Das hat sich in der Generation Z bisher nur ungenügend rumgesprochen.
Warum sind junge Leute, wie sie sind?
Nun versuche ich immer wieder, neben der Kritik an der Gen Z stets zugleich zu hinterfragen, woher das alles kommt, warum junge Leute sind, wie sie sind. Denn wir können es uns nicht so einfach machen, nur auf sie zu zeigen und zu klagen.
Es gibt nun mal Gründe für die Entwicklung. Ich könnte jetzt einen endlos langen Text zu Erziehungs- und Bildungsversagen schreiben, dafür reicht der Platz nicht. Wer mehr darüber wissen will, dem lege ich mein Buch ans Herz.
Verzogen, verweichlicht, verletzt: Wie die Generation Z die Arbeitswelt auf den Kopf stellt und uns zum Handeln zwingt
Hier soll es um die Fragen gehen, die ich auch unter besagtes Posting auf LinkedIn schrieb: Haben wir es mit einer Generation zu tun, die keine Lust hat – oder mit Führungskräften, die es nicht schaffen, sie zu motivieren? Brauchen wir neue Führung – oder eine neue Arbeitseinstellung?
Die kurze Antwort lautet: Wir brauchen all das zusammen! Für ein multiples Problem muss es eine multiple Lösung geben. Die Debatte unter meinem Aufruf, sich Gedanken zu machen, bestätigte meine Haltung.
So schrieb etwa Jürgen Schüppel, der wie ich Unternehmen berät, wie sie Veränderungen hinbekommen und dabei Beschäftigte aller Generationen mitnehmen: „Es wird leider nicht wahrer, wenn dasselbe, empirisch nicht haltbare, immer wieder wiederholt wird.“ Und weiter: „Es gibt keine signifikanten Einstellungsunterschiede“ in den Generationen.
Er verwies auf die Forschung des Soziologieprofessors Martin Schröder, der darlegte, dass sich Nachkriegsdeutsche unterschiedlichen Alters „kaum in ihren Einstellungen unterscheiden, weder in Bezug auf Lebensziele noch in Bezug auf Sorgen oder gesellschaftliches und politisches Engagement.“ Die Ergebnisse einer umfassenden Studie „zeigen, dass von der Literatur postulierte Generationsunterschiede zwischen der sogenannten Generation Y, X, den Babyboomern, den ’68ern sowie der sogenannten Skeptischen Nachkriegsgeneration in Wirklichkeit kaum existieren“.
Wenn bei jungen Leuten die Einstellung nicht stimmt, sieht es alt aus
Dann ist ja alles prima, oder? Gewiss nicht. Ich antwortete: „Auf dieser Ebene kommen wir meiner Meinung nach nicht weiter.“ Ich meinte damit: Was hilft uns die Debatte, ob und wie unterschiedliche Generationen waren oder sind? Wir diskutieren nun mal über das Verhältnis junger Leute zur Arbeit in der Gegenwart. Sie sind es, die den epischen Personalmangel lindern sollen und müssen. Oder vielmehr: sollten und müssten. Doch wenn da die Einstellung nicht stimmt, sieht es alt aus.
Insofern kann ich nur meiner Coaching-Kollegin Sonja Piontek zustimmen, die mein Posting so kommentierte: „Mag altmodisch klingen, aber ich bin immer noch großer Fan von erst liefern und sähen, dann ernten.“ Heißt „altmodisch“ falsch? Gewiss nicht. Sich „Guten Tag“ und „Auf Wiedersehen“ zu sagen, ist auch irgendwie altmodisch, aber vollkommen richtig.
Zu denken gab mir der Einwand des Unternehmensberaters Ulrich A. Bona, der mir widersprach. „Meine Erfahrungen sind völlig anders“, schrieb er. „Die bräsigen Babyboomer gefolgt von der Generation X – ich gehöre volle Pulle dazu - sind meiner Meinung nach das, wenn denn, Problem.“
Er zitierte Aussagen mehrerer Babyboomer. „Ich bin mittlerweile Anfang 50 und muss keinem mehr was beweisen.“ Und: Früher „hatten wir noch Werte und Prinzipien“. Eine/n 55-Jährige/n gab er so wieder: „Ich bereite mich so langsam auf die Rente vor.“ Und: „Jetzt sollen die Jungen mal was machen.“
Ulrich A. Bona kam zu dem Schluss: „So hat jede Generation ihre eigenen Vorstellungen, der Anspruch ist, diese mit Sinn und Verstand zusammenzubringen. Zudem erinnerte er an die altbackenen Sätze, die ältere Führungskräfte jungen Leute um die Ohren hauen, aber nur zu einem ausgiebigen Gähnen führen dürften: „Lehrjahre sind keine Herrenjahre!“ - „Es ist noch kein Meister vom Baum gefallen!“ - „Disziplin, Pünktlichkeit, Demut, das sind Grundvoraussetzungen.“ Der Unternehmensberater erklärte: „Mir wird schlecht!“
Gegen mehr Demut unter jungen Menschen hätte ich überhaupt nichts
Gegen mehr Demut unter jungen Menschen vor dem, was die Nachkriegsgenerationen erreicht haben, hätte ich überhaupt nichts. Ansonsten kann ich ihn verstehen. Die Generation Z hat es nicht verdient, in Watte gepackt zu werden, man muss sie kritisieren. Aber das gilt auch für Vertreter der älteren Generation, die ständig davon erzählen, was sie alles geleistet haben und sich daran ergötzen, dass junge Menschen anders ticken, auch skurril sind.
Ich sehe darin den Auftrag an die Gesellschaft: Wir müssen klären, warum die Leistungsbereitschaft sinkt, warum Unternehmen es nicht schaffen, die Generation Z und (!) die Generation Babyboomer abzuholen, zu motivieren und zu inspirieren. Leistung darf nicht länger verpönt sein – und muss sich auch wieder lohnen.
Das Motto „Fordern und Fördern“ sollte nicht allein für Bürgergeldempfänger gelten. Danach sollten auch Firmen handeln. Oder wie es der Manager Suraj Batija formulierte: „Wer junge Talente gewinnen und halten will, muss mehr bieten als nur ‚friss oder stirb‘. Statt über die ‚Generation Mimimi‘ zu schimpfen, sollten wir uns fragen, wie wir Arbeitsmodelle gestalten, die High Performance und moderne Erwartungen vereinen.“
Recht hat er. Diesen Weg müssen wir gehen. Dann haben junge und alte Arbeitnehmer wieder Spaß am und im Job.