„Wenn das Wochenbudget aufgebraucht ist, wird die Stimmung hitzig“

Der klassische Heimgeruch mischt sich mit einem Hauch von Bier und kaltem Rauch, der so tief in die Wände gezogen ist, dass Lüften aussichtslos scheint. Hinter jeder Zimmertür verbirgt sich eine eigene Leidensgeschichte, die mit Alkohol begonnen hat und mit Alkohol enden wird. 

Die 137 Menschen dahinter trinken seit Jahrzehnten. Nach etlichen erfolglosen Entzügen fehlt ihnen inzwischen die Kraft. In dem Heim am Deelwischredder (Jenfeld) dürfen sie weitertrinken. 

Wein und Bier werden in festgelegten Mengen vom Pflegepersonal ausgeschenkt. Alternativ erhalten die Bewohner 30 Euro Taschengeld pro Woche, mit dem sie im Supermarkt auch harten Alkohol kaufen können. 

Mit elf Jahren begann Thomas zu trinken

„Haben Sie schon gefrühstückt, Herr Zöllner?“, fragt die Pflegekraft den älteren Mann, der auf der Bettkante sitzt und fernsieht. Er wendet den Blick triumphierend ab: „Noch keinen einzigen Tropfen!“ Gegessen hat er auch nicht. 

Zwei helle Brötchen liegen unberührt in dem Holzregal des kleinen Zimmers, das Zöllner seinen „Schlafplatz“, nicht aber sein Zuhause nennt. Er wohnt seit 17 Jahren in dem Pflegeheim von „Pflegen und Wohnen Öjendorf“. „Das sind eigentlich 16 zu viel“, sagt er. 

Der Arzt hatte ihm damals nur noch ein halbes Jahr zu leben gegeben. Diese Diagnose ist kein Einzelfall. Alkoholismus kostet Leben: 2020 starben in Deutschland 14.200 Menschen an den direkten Folgen ihres Alkoholkonsums. 

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Laut Bundesgesundheitsministerium konsumieren 7,9 Millionen der 18- bis 64-Jährigen Alkohol in gesundheitlich riskanter Form. Herr Zöllner fing schon mit elf Jahren an zu trinken.

Tragische Kindheit trieb Thomas in die Alkoholsucht

Er holt seinen Tabak hervor. Dreht sich eine Zigarette, routiniert, ohne hinzuschauen und beginnt zu erzählen: Sein Vater war vor über 50 Jahren bei einem Schiffsunglück gestorben. Den Kummer ertränkte Zöllner in Whiskey. 

Seine Mutter schlug ihn. „Die wollte mich nie“, sagt er. Wenn sich irgendwer kümmerte, dann die sechs Geschwister, zu denen er weiterhin Kontakt hält. Zöllner wollte zur See fahren wie sein großes Vorbild, sein Vater.

Die Faszination hält bis heute an: In seinem Zimmer hängen Bilder von alten Segelschiffen, daneben stehen selbst gebaute Modellschiffe, sein Lieblingsfernsehprogramm sei „alles, was mit Fischen und Meer zu tun hat“. Doch seine Geschwister hatten damals zu viel Angst um ihn. So wurde aus ihm ein Maurer, der am Tag bis zu vier Liter Schnaps trank. Das hinterlässt Spuren.

Schlaganfall und Herzinfarkt in einem Monat

Unter seinem Fernseher steht eine Box. Randvoll mit Pillen, die er täglich nehmen muss. Vor fünf Jahren hatte er einen Schlaganfall, noch im selben Monat dann einen Herzinfarkt. Die Bauchspeicheldrüse musste entfernt werden. Er leidet an Diabetes, darf eigentlich nur Schonkost essen, aber die mag er nicht. 

Neben seinem Bett stapeln sich Konserven: Königsberger Klopse, Eintopf, „alles, was schmeckt“, wie er sagt. Brot und Aufschnitt kriegt er im „Regenbogenmarkt“, der an diesem Tag im Hauptgebäude stattfindet. Heimbewohner, die kein festes Frühstück oder Abendbrot bekommen, können dort dienstags und freitags kostenlos einkaufen. Zöllner will pünktlich sein. 

Ist das Wochenbudget aufgebraucht, wird die Stimmung hitzig

Er setzt seine Fliegermütze auf, holt den Rollator aus der Ecke und schließt die Zimmertür ab. Es wird geklaut. Im Heim, im Supermarkt um die Ecke. Viele haben dort Hausverbot. „Klauen, wo man wohnt? So doof muss man erst mal sein“, meint Zöllner.

Wenn das Wochenbudget aufgebraucht ist und die Vorräte schwinden, wird die Stimmung hitziger. Es gibt Streit, gelegentlich Schlägereien, manchmal sogar Angriffe auf die Mitarbeiter. 

Die Pflegekräfte wissen die Arbeit in dem speziellen Heim dennoch zu schätzen: „Unsere Bewohner müssen sich nicht verbiegen und ich mich auch nicht“, erklärt eine Angestellte. Diese Ehrlichkeit möchte sie nicht missen.

Die letzte Chance für Abhängige

Viele der alkoholkranken Pflegefälle haben Schulden und könnten den Heimplatz selbst nicht zahlen. Dann springt das Sozialamt ein wie in jedem anderen Pflegeheim. Nur nehmen andere Pflegeheime keine nassen Alkoholiker auf. 

Öjendorf ist für die Abhängigen die letzte Chance. Im Grunde handelt es sich um eine Palliativeinrichtung. „Wir können hier niemanden retten, aber wir versuchen die verbleibende Zeit so lebenswert wie möglich zu gestalten“, sagt Sozialarbeiter Oliver Rausch. Wer hier rausfliegt, dem bleiben meist nur Obdachlosenunterkünfte.

Der „erste Bürgermeister von Öjendorf“

Auf dem Flur trifft Thomas Zöllner einen Mitbewohner. „Wenn ich das nächste Mal einkaufen gehe, bring ich dir ‘ne Zeitschrift mit“, verspricht er. „Dann hast du was zu rätseln.“ 

Sie helfen sich gegenseitig, das ist Zöllner wichtig. Er wurde gerade erneut zum Wohnbeirat gewählt, zum „ersten Bürgermeister von Öjendorf“, wie er es nennt. Wenn jemand Sorgen hat, ist er da. 

„Ich nehm‘ die auch in‘ Arm“, sagt er. „Wie viele Männer bei mir schon geweint haben.“ Die meisten haben ein zerrüttetes Verhältnis zu ihrer Familie: Alkohol macht gesellig. Alkoholismus macht einsam.

Von Einkauf zu Einkauf - Von Flasche zu Flasche

Jedes freundliche Gesicht, jeder Einkauf wird zum Lichtblick. Zöllner verlässt den Regenbogenmarkt wenig später zufrieden. Er verstaut Brot, Leberwurst und Käse in seinem Jutebeutel. Obendrauf legt er vorsichtig seine geliebten Butterkekse, die es heute ausnahmsweise gab. 

Auf dem Flur wartet ein kleiner Mann, sitzend auf seinem Rollator, in dem Korb fünf leere Bierdosen. Die Beine baumeln in der Luft. „Na, mein Sitzriese“, neckt Zöllner ihn noch einmal frech grinsend im Vorbeigehen. Dann verschwindet er hastig hinter der nächsten Ecke, um seine Ausbeute in Sicherheit zu bringen. 

So kämpfen sie sich durch die Wochen: Von Spruch zu Spruch. Von Einkauf zu Einkauf. Von Flasche zu Flasche. Bis zum letzten Tropfen.

Von Zoe Clausen

Das Original zu diesem Beitrag "Pflegeheim für Alkoholiker: Hier darf er weitertrinken – bis zum letzten Tropfen" stammt von Hamburger Morgenpost.

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