Gender Health Gap: "Es fehlt an Grundlagenforschung"

Bisher wurden die geschlechterspezifischen Unterschiede von Männern und Frauen in der medizinischen Behandlung kaum untersucht. Während es von Männern viele Daten gibt, ist das bei Frauen nicht so. Darum gibt es ein Ungleichgewicht in der medizinischen Behandlung von Frauen gegenüber Männern ("Gender Health Gap").

Zwar gibt es in den vergangenen Jahren immer mehr Publikationen zu den geschlechterspezifischen Unterschieden, allerdings fehlt es bisher an Grundlagenforschung. Um einen Daten-Bias möglichst gering zu halten, müssen die Menschen, die sie kuratieren, dafür sensibilisiert werden, wie Prof. Sylvia Thun im Interview mit heise online erklärte. Ihrer Ansicht nach ist der Gender Health Gap nicht nur ein gesellschaftliches, sondern auch ein datengetriebenes Problem.

"Ohne strukturierte und interoperable Gesundheitsdaten bleibt die geschlechterspezifische Forschung oft lückenhaft. In den letzten zwei Jahren haben wir Fortschritte gemacht – insbesondere durch bessere Standardisierung und Datenverfügbarkeit. Doch erst, wenn geschlechtsspezifische Unterschiede systematisch in der medizinischen Forschung und Versorgung berücksichtigt werden, können wir echte Gleichberechtigung im Gesundheitswesen erreichen", so Thun nach den neuesten Entwicklungen befragt.

BMBF unterstützt Forschung

Aufgrund der Gender Health Gap fördert das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) die Erforschung der geschlechterspezifischen Gesundheit. Vorangegangen war eine Analyse, wonach bisher "nur in einem kleinen Teil der geförderten Studien geschlechtsspezifische Analysen durchgeführt worden sind", erklärte eine Sprecherin gegenüber heise online. Für eine "passgenaue Diagnostik und Behandlung von Patientinnen und Patienten" sei eine Verringerung des "Gender Data Gaps durch evidenzbasierte klinische Forschung jedoch von großer Bedeutung".

Am 12. Juli 2024 hatte das BMBF daher auch die Förderrichtlinie "Interaktive Technologien für eine geschlechtsspezifische Gesundheit" veröffentlicht, deren Ziel "die Verankerung von Geschlechteraspekten in der medizinischen Forschung und Versorgung mittels interaktiver digitaler Technologien" ist. Zur Schließung von Daten- und Wissenslücken zu geschlechtsspezifischen Aspekten in der Medizin werden laut Sprecherin bis 2028 rund 15 Millionen Euro "für mehrjährige Forschungs- und Entwicklungsprojekte bereitgestellt".

Über die Ursachen für die Defizite in der geschlechterspezifischen Forschung und was sich seit den 90ern getan hat, haben wir mit der Vorständin des Deutschen Ärztinnenbunds, Christiane Groß, gesprochen.

Welche Ursachen gibt es für den Gender Health Gap?

Das ist erst einmal historisch bedingt. Traditionell wurde die Forschung hauptsächlich an männlichen Tieren und männlichen Probanden durchgeführt, um Kosten und Komplexität zu reduzieren. Der weibliche Zyklus erfordert zusätzliche Anpassungen, was die Forschung teurer und zeitaufwändiger macht. Außerdem werden mehr Daten benötigt. Grundlagenforschung erfolgt daher bis heute üblicherweise erst einmal mit männlichen Tieren, und Versuche werden in der Regel ebenfalls bei Männern durchgeführt.

Im Bereich Pharmakologie, also in der Medikamentenentwicklung, hat das natürlich auch damit zu tun, dass bei Frauen die Gefahr besteht, ein Kind zu schädigen, wenn die Schwangerschaftsverhütung nicht gesichert war. Denken wir an den Contergan-Skandal. Danach hat man dann Frauen rigoros von den Medikamenten-Studien ausgeschlossen. Seit Anfang der 90er Jahre geht es sozusagen in die andere Richtung: Frauen mussten in Studien aufgenommen werden. Aber es gibt derzeit eben noch unglaublich viele Medikamente, die damals nur an Männern getestet wurden. Die geschlechterspezifischen Wirkungen sind daher bei vielen "alten" Medikamenten oft unbekannt.

Was bringt die geschlechterspezifische Medizin?

Sowohl die Diagnose als auch die Behandlung kann spezifisch anders sein bei den unterschiedlichen Geschlechtern. Berücksichtigt man das Geschlecht, können beispielsweise Medikamente viel besser und sicherer dosiert werden, und dadurch wird die Behandlung effektiver. Für mich ist die geschlechterspezifische Medizin außerdem der Weg zur individualisierten Medizin. Diese sollte nicht nur zwischen Männern und Frauen, sondern auch in Bezug auf Alter und andere individuelle Faktoren differenzieren. Das heißt also nicht nur Männer und Frauen profitieren, sondern auch Kinder, Erwachsene, alte Leute bis hin zu Trans-Menschen, deren Physiologie durch externe Hormongaben verändert ist.

Was muss passieren, damit die geschlechterspezifische Medizin mehr berücksichtigt wird?

Seit den 1990er Jahren gibt es Bemühungen, geschlechterspezifische Aspekte in die medizinische Forschung zu integrieren. Die Weiterbildungsordnung für Ärztinnen und Ärzte berücksichtigt bereits diese Aspekte. Für das Medizinstudium ist das Wissen schon lange eingeplant, doch die Approbationsordnung muss noch von der Politik beschlossen werden.

Es ist wichtig, das Bewusstsein für geschlechterspezifische Unterschiede zu erhöhen, nicht nur in der Forschung, sondern auch in der medizinischen Praxis. Apps und andere Technologien könnten dabei helfen, wenn klar definiert ist, dass Geschlechterspezifität berücksichtigt ist. Wenn wir die Sensibilität in der Gesellschaft dafür erhöhen, dass es Unterschiede zwischen Männern und Frauen gibt, dass sie unterschiedliche Symptome haben können und teilweise unterschiedlich therapiert werden müssen, dann haben wir schon viel gewonnen.

Aber wir haben bereits viel erreicht. Im Deutschen Ärztinnenbund haben wir 1987 den ersten Kongress mit dem Titel "Schlagen Frauenherzen anders" gehabt. Es tut sich etwas, aber es hat lange gedauert, bis das Thema in der Gesellschaft angekommen ist. Inzwischen ist der öffentliche Diskurs da und das freut mich persönlich sehr.

Was fehlt dann noch?

Für Ärztinnen und Ärzte wurde, wie zuvor erwähnt, bereits auf dem Deutschen Ärztetag 2018 eine neue Weiterbildungsordnung verabschiedet. Darin ist die Geschlechtsspezifität in den Grundlagen enthalten. Das heißt, für die Weiterbildung der Ärztinnen und Ärzte ist die Thematik klar. Die Vorschläge für die Approbationsordnung liegen auf dem Tisch, die Politik muss beschließen. Hilfreich wäre auch, wenn Frauen und Männer in der Behandlung öfter nachfragen würden. Auch das würde die Sensibilität erhöhen.

Und weitere Forschung hilft sicherlich auch?

Wir benötigen erst einmal eine Grundlagenforschung, die geschlechterspezifische Unterschiede systematisch berücksichtigt, um fundierte Erkenntnisse über mögliche Unterschiede oder Gemeinsamkeiten bei Krankheiten zu gewinnen. Hilfreich wäre es, wenn Forschungsgelder nur für Studien zur Verfügung gestellt würden, bei denen die Geschlechterspezifität berücksichtigt wird.

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