Bremer Pastorin verteidigt Einmischung der Kirche, wenn es gegen die AfD geht
Bei Bestattungen ist Yvonne Ziaja immer wieder die einzige Anwesende neben dem Urnenträger. Die Bremer Pastorin beobachtet zunehmend, dass Verstorbene ohne jegliche Angehörige beerdigt werden.
Und dennoch: „Niemand geht den letzten Weg allein.“ Jeder werde mit einem Gebet, einer Ansprache und einem Segen verabschiedet. Gleichwohl zeige sich in diesem Trend die verstärkte Vereinsamung der Menschen und eine Entsolidarisierung in der Gesellschaft.
In ihrem Beruf begegnet Ziaja der gesamten Breite der Gesellschaft und den verschiedensten Lebensrealitäten. Das gilt insbesondere für ihre evangelische Kirchengemeinde Neue Vahr.
Die 45-Jährige beschreibt das Quartier als „sehr durchmischtes Milieu“. Von den rund 28.000 Einwohnern im gesamten Stadtteil haben mehr als 58 Prozent einen Migrationshintergrund, davon wiederum kommen mehr als die Hälfte von außerhalb Europas und der Türkei. In jedem 15. Haushalt lebt eine Frau allein mit ihren Kindern.
Mit etwa 28.000 Euro lag das Durchschnittseinkommen im Jahr 2020 rund 12.000 Euro unter dem Wert der gesamten Hansestadt.
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Auf diese Situation stellt sich auch die Kirche mit ihren zwei Standorten ein. Im sozialdiakonischen Zentrum bietet sie unter anderem einen afrikanischen Mittagstisch für Geringverdiener an oder organisiert den Marktplatz der Begegnungen, bei dem gespendete Kleidung und Haushaltsgegenstände für wenig Geld erhältlich sind.
„Da brummt es“, sagt Ziaja über die große Resonanz und ergänzt: „Das ist offenbar notwendig.“ Wo ohnehin fast jeder dritte Einwohner von Armut betroffen ist – Bremen ist hier trauriger Spitzenreiter – macht sich das in einem Quartier wie der Neuen Vahr umso mehr bemerkbar.
Bremer Pastorin hat schwere Aufgabe in sozialem Brennpunkt
Diese Gemengelage bringt auch an anderer Stelle Bedarfe hervor, zum Beispiel in den kircheneigenen Kindergärten und an Schulen. Mit Angeboten wie der Hausaufgabenhilfe engagiert sich die Kirchengemeinde hier ebenfalls. „Wir haben viele Hilfssysteme und tolle Menschen, die helfen und stützen“, sagt Ziaja.
In der Hansestadt gilt die Neue Vahr vielen als sozialer Brennpunkt. Auch Ziaja kennt die Vorurteile. Sie selbst wohnt im deutlich besser situierten Stadtteil Oberneuland, wo ihr Mann als Pastor arbeitet.
„Das geht von beiden Seiten aus“, sagt sie über die Klischees, die in den jeweiligen Stadtteilen über „die anderen“ kursieren. Ihre Schlussfolgerung: „Nur über Kontakt bekommt man das abgebaut.“
Hier spannt sich der Bogen auf Ziajas gesamtgesellschaftlichen Blick. Zu oft werde übereinander und nicht miteinander gesprochen. „Diese starke Polarisierung macht mir Sorgen; die oftmals wirklich fürchterlichen Ausdrücke, die wieder gesellschaftsfähig werden“, sagt die Pastorin.
In diesem Spannungsfeld lässt sich für sie auch der Bruch der Ampelkoalition betrachten: Als Spiegelbild einer Gesellschaft, die auseinanderzudriften droht und der ein gemeinsames Ziel fehlt. „Es ging massiv um Selbstprofilierung“, beschreibt sie ihren Eindruck vom Berliner Politikbetrieb der vergangenen drei Jahre. Inhalte seien durch die ständigen Streitereien untergegangen.
Aus der beruflichen Praxis wisse sie, dass harte Entscheidungen getroffen werden müssen. „Wir sind hier permanent unterfinanziert und unterbesetzt“, sagt Ziaja. Doch gehe es dabei nicht um sie, sondern ein übergeordnetes Ziel. In den Kirchengremien erarbeitete Lösungen müssten dann gemeinsam vertreten werden.
„Ich wünsche mir mehr Solidarität und Mitdenken für andere“
Ihre Schlussfolgerung: „Ich wünsche mir mehr Solidarität und Mitdenken für andere.“
Beim Thema Bildung erlebe sie das selbst. Ihre Töchter seien bildungsnah aufgewachsen und früh für das Lesen begeistert worden. Das seien ganz andere Voraussetzungen als zum Beispiel bei Kindern, deren Eltern zugewandert sind und die Sprache selbst noch lernen müssen.
„Bildungsgerechtigkeit ist nicht wirklich vorhanden“, so ihr Eindruck abseits der maroden Schulen und heruntergewirtschafteten Sportstätten in der Hansestadt. Deutschland gelinge es nicht, für die Kinder eine ähnliche Ausgangslage zu schaffen. Diese Lücke könnten auch die vielen ehrenamtlich Engagierten in diesem Bereich nicht schließen.
Für Ziaja ist deshalb unverständlich, wieso die Politik hier in den vergangenen Jahren nicht zielgerichteter gehandelt hat. „Das macht man nicht mit der Gießkanne“, sagt die Pastorin.
Zwar hat sie selbst von der Kindergelderhöhung zum Jahreswechsel profitiert – doch sieht sie gar keinen Bedarf für die fünf Euro mehr: „Gerechtigkeit heißt nicht, dass alle das Gleiche bekommen. Es bedeutet, dass alle bekommen, was sie zum Leben brauchen, um auf einen angemessenen Lebensstandard zu kommen.“
Mit der privaten Situation zeigt sich die Pastorin indes zufrieden. Das Gehalt entspreche dem einer Lehrerin, auch ihr Mann arbeitet Vollzeit als Pastor. Damit lebe die Familie sorgenfrei.
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„Für mich ist nicht ausschlaggebend, dass andere mehr haben“, sagt die Pastorin. Innerhalb der Kirche konnte sich die 45-Jährige im Vorjahr auch beruflich verändern. In einer Bremer Klinik hat sie zuvor mehrere Jahre lang kranke Kinder und Familien seelsorgerisch begleitet. „Es ist unmittelbar sinngebend“, sagt sie über ihre Tätigkeit dort.
Nun freue sie sich, wieder mit einem breiteren Bezug zu Menschen und an ihrer früheren Wirkungsstätte mit einem Team aus Haupt- und Ehrenamtlichen zu arbeiten.
Zwei in Vollzeit arbeitende Eltern mit dem Familienleben in Einklang zu bringen, sei jedoch immer wieder ein Balanceakt. „Das geht überhaupt nicht reibungslos“, bilanziert Ziaja. Zwar ermögliche der Beruf eine gewisse Flexibilität, doch oft müssten sie und ihr Mann noch abends oder am Wochenende arbeiten.
„Das geht nur, weil wir immer Oma und Opa an der Seite haben – das haben nicht alle“, sagt sie. So seien Töchter damit aufgewachsen, dass die Mutter bei einem Notfall an die Arbeit muss. Im Beruf erlebe sie neben der finanziellen Absicherung Vertrauen und gegenseitige Wertschätzung als entscheidende Faktoren, damit diese Balance entsteht.
Haltung zu Plänen der AfD: „Wir können nicht neutral sein..."
Dass sich ihre Institution jüngst auch in die politische Debatte eingeschaltet hat, unterstützt Ziaja. im Bundestag mit der AfD über die eigenen Migrationspläne abzustimmen.
Die Kirche sei zwar ein Begegnungsort, aber keine neutrale Instanz, sagt Ziaja: „Wir können nicht neutral sein, wenn Menschen in ihrer Würde und im Menschsein abgewertet werden, oder Geschichte verklärt wird.“ Schließlich sei das Christentum aus einem jüdischen Erbe hervorgegangen und die Kirche habe sich in der Zeit des Nationalsozialismus in Deutschland in großen Teilen mitschuldig gemacht.
Doch auch wenn die Pastorin so manche Entwicklung mit Sorge betrachtet, hält sie an ihrem Optimismus fest. „Ich glaube, dass wir in einem sehr gut aufgestellten Land leben“, sagt sie. Die Gesellschaft könne sehr viel mehr leisten, als sie sich aktuell zutraue. Dafür brauche es den Streit im positiven Sinne: als Meinungsaustausch auf der Suche nach einer gemeinsamen Lösung.
Wichtig sei dafür, einander im Blick zu behalten, sich zuzuhören und die Kompromissbereitschaft zu wahren: „Man sitzt auch viel in dem Elend, das man sich selber gemacht hat, und es liegt auch an jedem von uns, da als Vorbild voranzugehen.“