Im 6-Tore-Chaos sorgt DFB-Star mit unscheinbarer Aktion für ganz besonderen Moment

Deutschland steht erstmals in der Geschichte im Halbfinale der Nations League. Das DFB-Team setzt sich in einem denkwürdigen K.o.-Duell gegen Italien durch. Auf das 2:1 in Mailand am Donnerstag folgte am Sonntag ein spektakuläres 3:3 in Dortmund.

Ein wildes Spiel mit zwei unterschiedlichen Halbzeiten. 3:0 führte die deutsche Nationalmannschaft zur Pause. Eine 45-minütige Machtdemonstration, nur um dann doch noch bis zur letzten Sekunde zittern zu müssen. Sechs Treffer, darunter ein Tor, über das man noch lange Zeit nicht nur in Dortmund sprechen wird. Ein elektrisierendes Stadion, tolle Stimmung. 

Julian Nagelsmann sprach im Anschluss von drei übergeordneten Erkenntnissen, die er und sein Trainerteam in den beiden Partien sammeln konnten. Sie wissen nun, dass sie nach einem Rückstand zurückkommen können. Sie wissen, wozu sie in der Lage sind. Und sie wissen, dass das Spiel in der Halbzeit noch nicht vorbei ist. 

„Das sind tolle Dinge, die wir mit heimnehmen“, sagte der Bundestrainer. Generell versuche er, auch aus „gewissen negativen Dingen Positives herauszuziehen“. Für die Entwicklung der Mannschaft bezeichnete er das 3:3 als „wertvoller, als wenn wir 4:0 gewonnen hätten.“

Neben den drei Nagelsmann-Erkenntnissen bietet das denkwürdige Rückspiel aber drei weitere Lehren.

Erkenntnis Nr. 1: Die Mannschaft hat die Fans zurück

Die Erkenntnis ist nicht neu, aber die Partie in Dortmund hat nochmal gezeigt, was möglich ist, wenn Nationalmannschaft und Fans eine Einheit sind.

Die Stimmung im Westfalenstadion war fantastisch. Dortmund hat in der Vergangenheit immer wieder bewiesen, dass die Stadt das perfekte Zuhause für das Nationalteam ist. Die Gelbe Wand ist nicht nur eine Festung des BVB, sondern auch für den DFB.

Von Anpfiff an wurden die Herren in Weiß von den Menschen auf den Tribünen angetrieben. Die Spieler antworteten mit belebendem Angriffsfußball. Pure Dominanz im ersten Durchgang. Ständiges Anrennen, Dauer-Pressing, Kurzpassspiel um den Sechzehner. Dieser Hurra-Fußball erreichte wiederum die Zuschauer auf den Rängen. Eine traumhafte Symbiose entstand.

„Die Zuschauer sind hoffentlich auf ihre Kosten gekommen. Wir haben uns gefreut, dass alle da waren und uns unterstützt haben. Das brauchen wir auch“, sagte Nagelsmann nach er Partie. 

Ein DFB-Spieler wird zum heimlichen Helden in Dortmund

Torhüter Oliver Baumann bekam nach seinen Heldentaten im Hinspiel bereits beim Warmmachen so lauten Applaus, wie er ihn in Hoffenheim vielleicht noch nie gehört hat. Nicht nur die BVB-Spieler wurden in ihrem Heimatstadion gefeiert. 

Für einen Akteur gab es mitten im Spiel sogar einen ganz besonderen Moment. Er hatte gerade mit einem beherzten Einsteigen vorm Strafraum einen italienischen Angriff unterbunden. Eine wichtige Szene, die in dem 3:3-Chaos aber wahrscheinlich nicht einmal einen Platz in den Spielhighlights finden wird. 

Und dennoch verstand das Publikum die Relevanz der Aktion und feierte den Kicker lauthals. Von den Rängen schalte es: „Rüdiger! Rüdiger! Rüdiger!“ Der Verteidiger konnte die Geste kaum überhören und bedankte sich sofort mit einem erwidernden Applaus. Tolle Szene, tolle Geste!

Antonio Rüdiger entwickelt sich immer mehr zum Fanliebling in der deutschen Nationalmannschaft. Mit seiner positiv verrückten Art, seiner unkonventionellen Spielart und seiner grenzenlosen Passion fürs robuste Verteidigen findet er den Weg in die Fanherzen.

Bereits nach dem Hinspiel ging eine Rüdiger-Szene viral, als er als Innenverteidiger im Pressing sogar auf den gegnerischen Torhüter losstürmte und den Ball hinterherjagte. „Rüdiger nicht so tief!“, heißt es da in Anlehnung an ein Internet-Phänomen – und „keine Kapriolen!“

Rüdiger verstellt sich nicht, ist immer er selbst und ist durch seine spezielle Art gerade für junge Fans ein so nahbarer Spieler, mit dem man sich gut identifizieren kann. Vorbild!

Erkenntnis Nr. 2: Kimmich von Vertragsverlängerung beflügelt

Mann des Spiels, und Mann des gesamten Duells mit Italien: Joshua Kimmich. Der Kapitän ist an allen fünf (5!!!) Toren direkt beteiligt. Vier Vorlagen, ein eigener Treffer. Sensationell!

Schon nach dem Hinspiel schwärmte Nagelsmann von seinem „unermüdlichen“ Kämpfer. Nun wollte der Bundestrainer bei allem berechtigten Lob für den Balljungen vor dem denkwürdigen 2:0 vor allem Kimmichs Initiative in der Szene hervorheben. Dass Kimmich den Ball so schnell will und fordert, sei „entscheidend“ und am Ende eine „sehr, sehr intelligente Aktion“, so Nagelsmann.

 

Kimmich ist nach dem Vertrags-Wirrwarr beim FC Bayern beflügelt und spielt befreit auf. Die Sicherheit um seine Zukunft scheint ihm Kraft zu verleihen. Der 30-Jährige ist in topform, ob als Rechtsverteidiger im Nationaldress oder zentraler Mittelfeldspieler im bayerischen Rot.

Die Münchner können sich in der entscheidenden Saisonphase wie auch der DFB auf ihren Anführer verlassen. Und dass in Leon Goretzka sein Nebenmann in München gerade ebenso auftrumpft, wird bei den Bayern mit Freude registriert.

Erkenntnis Nr. 3: Die Sorgen um Musiala

Jamal Musiala ist ein ganz besonderer Fußballer und auf dem grünen Rasen zu allem fähig. Das weiß aber auch der Gegner. Daher lautet für viele Defensiven die Devise: Musiala aus dem Spiel nehmen. Egal wie.

Die Italiener haben es für den 21-Jährigen auf höchst unangenehme Weise getan. Bereits im San Siro bekam der Bayern-Star ordentlich auf die Socken, kassierte ganze fünf Fouls. Aber auch in vermeintlich fairen Zweikämpfen wird der Dribbelkünstler oft hart rangekommen.

Das passierte im Rückspiel wieder. Referee Szymon Marciniak führte eine weiche Linie, ließ viele harte Aktionen durchgehen. Musiala bekam das von den Italienern zu spüren und blieb nach zwei Szenen sogar länger auf dem Boden liegen.

Der 21-Jährige ist so wendig, so flink. Aber er sieht mit seiner schmalen Statur auch immer noch sehr zerbrechlich aus. Sein Spitzname „Bambi“ hält sich hartnäckig.

Musiala und Wirtz nur mit Fouls zu stoppen

Drum zuckt es in jedem Fußballfan zusammen, wenn Musiala mal wieder nur mit unfairen Mitteln zu stoppen ist. Für Nagelsmann sei das auch eine Form von „Auszeichnung, dass viele Spieler ihn nur stoppen können, wenn sie ihn foulen.“ 

Dennoch mache sich Nagelsmann auch Sorgen um einen seiner größten Leistungsträger – ganz besonders im Hinblick auf die Weltmeisterschaft im kommenden Jahr. Eine längere Ausfallzeit sei fatal, „da gibt es ein paar Momente, wo er ein bisschen weniger Risiko nehmen kann“, so Nagelsmann.

Ähnlich sieht es bei DFB-Star Florian Wirtz aus. Der zweite große deutsche Hoffnungsträger fehlt derzeit nach einem harten Foul mit einer Sprunggelenksverletzung und verpasste nun für Bayer Leverkusen und Deutschland wichtige Spiele. 

dom
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