Zurück im DFB-Team! Von Goretzka können wir alle noch etwas lernen
16 Monate ist es her, dass Leon Goretzka zum letzten Mal das weiße Trikot der deutschen Nationalmannschaft überstreifte. Nicht nur im Fußball-Geschäft eine lange Zeit. Viel ist seitdem passiert - besonders bei Goretzka selbst.
Der Mittelfeldspieler gehörte relativ genau vor einem Jahr zu den prominenten Opfern von Julian Nagelsmanns radikalen Kaderumbruch beim DFB. Der Bundestrainer stand vor der schwierigen Aufgabe, die Europameisterschaft im eigenen Land zu retten. Die vergangenen Länderspiele Ende 2023 gegen die Türkei und Österreich – noch mit Goretzka – verliefen katastrophal. Es gab nicht mehr viel Zeit, doch es brauchte fundamentale Veränderungen.
Goretzka wurde Opfer von Nagelsmanns DFB-Umbruch
Dazu gehörte die Ausbootung von Leon Goretzka. Er war längst kein unumstrittener Nationalspieler mehr. Einst eines der Gesichter einer Generation, ein künftiger Anführer des deutschen Flaggschiffs, wurde er zunehmend für die andauernde Krise im deutschen Fußball mitverantwortlich gemacht.
Nagelsmann sah ihn nicht mehr als Option für die Startelf und traute ihm – wie auch dem einstigen Abwehrchef Mats Hummels – die Rolle des Ersatzmannes nicht zu. Der Bundestrainer wehrte sich gegen die Berichte, dass Goretzka charakterlich nicht in die Mannschaft passe, seine zu starke Persönlichkeit keine untergeordnete Rolle einnehmen könne. Doch das Bild war bereits gemalt.
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Starke EM gibt Nagelsmann recht
Und sportlich hatte Nagelsmann recht. Es lief wieder beim DFB-Team. Starke Testspiele gegen Frankreich und die Niederlande, dann eine tolle Heim-EM, bei der die Nagelsmann-Truppe neben dem späteren Europameister Spanien den ansprechendsten Fußball zelebrierte.
Toni Kroos und Ilkay Gündogan traten nach dem Turnier zurück. Doch ein Comeback für Goretzka war weiter nicht in Sicht. Er war längst von Youngstern wie Aleksandar Pavlovic und Angelo Stiller überholt worden.
Goretzkas Karriere im Tiefflug
Seine Karriere verlief noch immer steil, allerdings bergab. Auch beim FC Bayern galt er als ein Gesicht des ungewohnten Misserfolges. Im vergangenen Sommer wollte der Verein in Person von Sportvorstand Max Eberl den heute 30-Jährigen unbedingt los werden.
Nach der Verpflichtung von João Palhinha sagte Eberl relativ unverblümt und deutlich in seine Richtung: „Die Konkurrenzsituation im Mittelfeld wird extrem groß werden. Jeder Spieler muss am Ende für sich entscheiden, was sein nächster Schritt ist und ob er den Konkurrenzkampf annimmt.“ Es war klar, wen er damit meinte.
Goretzka nahm den Konkurrenzkampf an und blieb. Zum Unmut seiner Bosse - zunächst. Er kämpfte, biss sich rein. Goretzka wollte sich beweisen. Seine anfangs geringen Chancen wusste er schnell zu nutzen – und schwupps war er zurück in der Startelf von Trainer Vincent Kompany.
Im Champions-League-Duell mit Bayer Leverkusen wurde er mit seinen leidenschaftlichen Zweikämpfen zu einem der Bayern-Helden.
Ein Satz von Uli Hoeneß gab Goretzka Kraft
Vor dem Achtelfinal-Rückspiel sprach Goretzka nach längerer Zeit wieder auf der Pressekonferenz in der Öffentlichkeit. Er habe nur versucht, „weiter dranzubleiben und meinen Job zu machen, im Training Gas zu geben.“
Kraft gab ihm auch eine Aussage von Uli Hoeneß, die zuletzt in der Prime-Doku von Thomas Müller zu sehen war. „Da hat Uli Hoeneß einen Satz gesagt, der mir im Gedächtnis geblieben ist. Da ging es darum, dass sich jeder, egal ob Platzwart oder Spieler, bei Bayern München die Frage stellen muss, ob er dem Verein helfen kann“, so Goretzka. Er habe sich diese Frage „im Sommer mit Ja beantworten“ können.
Das gleiche gilt nun für die Nationalmannschaft. Ein Jahr nach seiner Ausbootung ist er zurück.
Nagelsmann hatte „klärendes Gespräch“ mit Goretzka
„Leon hat sportlich eine sehr gute Phase“, begründete Nagelsmann seine Entscheidung in einer Medienrunde am Donnerstag. Er habe sich beim FC Bayern nach einer schwierigen Zeit in „eine tragende Rolle“ zurückgekämpft und sich auch in gewissen Punkten weiterentwickelt. „Er hat einen guten Mittelweg gefunden zwischen offensiver Torgefahr und einer guten Position im Aufbauspiel.“
Vor der Einberufung habe es aber ein „klärendes“ Gespräch gegeben, „weil es mir sehr wichtig war, ich gewisse Dinge ausräumen wollte und gerade für Leon eine Klarheit schaffen wollte“, erklärte der Bundestrainer.
Generell seien solche Gespräche einfacher als jenes vor einem Jahr. Mit Goretzka sei es aber eine „besondere Situation“. Nagelsmann war sein Trainer beim FC Bayern, dann in der Nationalmannschaft. Dann war er es, der ihn aussortiert und für das prestigeträchtige Turnier im eigenen Land nicht nominiert hat.
Goretzkas "Auferstehung" ist bewundernswert
„Ich hatte aufgrund der Thematik, dass er im Sommer nicht dabei war und damit nicht zufrieden war, das Gefühl, wir müssen miteinander sprechen und eine gute Basis schaffen. Das ist uns gelungen“, versicherte Nagelsmann. Nun freue er sich, ihn am Montag in Dortmund wieder zu empfangen. Dann folgt der Fußball-Klassiker gegen Erzrivale Italien in der Nations League.
Es ist ein beeindruckendes, bewundernswertes Comeback. Gegen alle Widerstände, beim FC Bayern und dem DFB-Team, von den Medien und Fans, von allen Kritikern auf dieser Welt. Goretzkas Kampfgeist imponiert. Seine „Auferstehung“ ist ein Vorbild für uns alle.