KI-Upscaling macht 80er-Jahre-Sitcom bei Netflix zur Gruselshow
In der Medienbearbeitung ist das Hochskalieren von Bildern und Videos per Künstlicher Intelligenz eine der nützlichsten Funktionen – wenn denn die KI ansatzweise "weiß", um welche Inhalte es sich handelt. Bei der Bearbeitung der im Original "A Different World" und im Deutschen "College Fieber" genannten Sitcom, die 1987 in den USA anlief, war das offenbar nicht der Fall.
Zahlreiche Zuschauer und auch etliche US-Medien machen sich seit Wochen über die Ergebnisse lustig. In der Tat produzierte die KI hier einige der typischen Artefakte und Halluzinationen, welche Modelle der ersten Generationen schon vor einigen Jahren verursachten. Im Falle von "College Fieber" werden aber offenbar auch etliche Effekte von früheren analogen und digitalen Bearbeitungen verschlimmbessert, dazu gleich mehr.
Das Internet ist voll von heißen IT-News und abgestandenem Pr0n. Dazwischen finden sich auch immer wieder Perlen, die zu schade sind für /dev/null.
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Jeder schielt, manche winken mit den Zähnen
In der heutigen Fassung der Serie, wie sie auf Netflix auch in Deutschland derzeit zu sehen ist, findet sich auch beim flüchtigen Zusehen in jeder Szene etwas, das einfach nicht stimmt. Je nach Bewegung und Ausdruck scheinen alle Personen hin und wieder zu schielen, und, besonders gruselig: Die Zähne bewegen sich und sind mal besonders regelmäßig, und manchmal unvollständig vorhanden. Oder sie verschmelzen zu einzelnen, großen Kauwerkzeugen. Schriften, auf Plakaten, an Türen, Kleidung oder Sofakissen, sind unleserlich, und wenn entzifferbar, in seltsam verschmolzenen Buchstaben zu sehen. Objekte verschwinden hinter Dingen, die eigentlich im Vordergrund sind, und an manchen eigentlich rein weißen Flächen gibt es seltsame Farbflecken, die sich von Bild zu Bild verändern.
Eine Stellungnahme von Netflix oder beteiligten Firmen zu diesem, so Vice, "geschmolzenem Alptraum" gibt es noch nicht. Daher folgt nun im Rahmen dieser WTF-Meldung eine Spekulation des Autors kraft ein bisschen Erfahrung in analoger wie digitaler Medienbearbeitung und der Geschichte der Serie an sich. Die startete übrigens mit Verrissen durch die Kritiker als Spin-Off von "The Cosby Show" und sollte der dortigen Figur der Denise Huxtable auf ihrem Weg durchs College folgen. Als die Darstellerin von Denise, Lisa Bonet, die Serie nach der ersten Staffel verließ, übernahmen die bisherigen Nebenrollen die Erzählung. Die Serie wandelte sich von einer typischen College-Sitcom hin zu ernsteren Tönen der späten 1980er- und frühen 1990er-Jahre wie dem Umgang mit HIV/AIDS und wurde vor allem im Rückblick oft gelobt.
Von Film zu Magnetband zur KI
Soweit noch die Fakten, jetzt wird es etwas spekulativ. Gedreht wurde "A Different World" wie zu seinem Produktionszeitraum von 1987 bis 1993 meist üblich auf analogem Film. Und ebenso üblich war damals, dass wohl für das Erstellen der DVDs – von denen 2005 nur die erste Staffel erschien – ein analoges Master erstellt wurde. Digitale Filmabtastung war damals neu und noch sehr teuer, auch heute scheuen viele Studios den Aufwand. Das DVD-Master war mutmaßlich ein Magnetband.
Spätere Ausstrahlungen auch im digitalen Fernsehen zeigten die typischen Farbsäume durch kaum bearbeitete analoge Transfers, wie beispielsweise den Dot Crawl, der durch Übersprecheffekte verursacht wird. Bei diesen analogen Artefakten gilt der alte Grundsatz der Digitalisierung: "Garbage in, Garbage out". Oder, wie auch manchmal benutzt: "Garbage in, Garbage out2", denn: Digitalisierung neigt dazu, analoge Fehler quadratisch zu verstärken.
Müll hoch Vier
So sind vermutlich auch die Farbfehler zu erklären, die sich in "College Fieber" beispielsweise bei schwarzen Schriften auf weißer Kleidung zeigen: Die Farbsäume waren schon vorher da, die KI hat nun falsch geraten, was da bunt und was weiß sein soll. Man könnte im Falle von schlecht digitalisiertem Material den Merksatz erweitern, wenn darauf eine KI losgelassen wird: "Garbage in, Garbage out4". Das erklärt aber nur die offensichtlichen technischen Fehler des Bildes, nicht die inhaltlichen.
Die könnten daran liegen, dass die hier verwendete KI nicht mit der Serie oder überhaupt nicht mit entsprechenden Fernsehinhalten trainiert wurde. Blickt man gleich in der ersten Folge ab Minute 14:22 auf das Porträt von Familie Huxtable, das Denise gut sichtbar in ihrer Studentinnenbude platziert hat, so fällt auf: Die KI kann diese Gesichter noch nie vorher gesehen haben. Die Darstellung wirkt, als hätte Salvador Dali eine Malen-nach-Zahlen-Vorlage von Picasso aus seiner kubistischen Periode ausgepinselt. In sehr betrunkenem Zustand.
Peinlich für Netflix
Für ein globales Medienunternehmen wie Netflix ist das mehr als peinlich. Ganz offensichtlich hat sich das Ergebnis dieser KI-Verwurstung niemand vor Freigabe wirklich angesehen. Sonst wäre nämlich auch aufgefallen, dass das, was man üblicherweise von einer digitalen Restauration erwartet, nicht einmal im Ansatz erfüllt wurde: die Kontraste sind generell flau, wie bei schlechten Magnetband-Transfers, besonders reine Farben wie Rot oder Weiß wirken dagegen überstrahlt. Gesehen haben wir das sowohl auf einem kalibrierten IPS-Monitor für Bildverarbeitung wie auch einem mittelklassigen 4K-Fernseher mit VA-Display und einem OLED-Smartphone. Jegliches Bildrauschen – bei Film stets vorhanden – ist verschwunden, alles wirkt glattgebügelt, und vermutlich durch miese Zwischenbildberechnung ist der Soap-Effekt allgegenwärtig.
Und das zieht sich zusammen mit den KI-Gruselbildern durch die gesamte Serie, wie wir mit Stichproben quer durch die sechs Staffeln überprüft haben. Es scheint, als ob diese KI nicht mal an ihren eigenen Arbeiten lernen durfte. Abschließend sei noch bemerkt, dass es sich hier nicht um einen Fall von enttäuschter Liebe des Autors handelt, der hat die Serie auch in den 1990er Jahren nur am Rande wahrgenommen. Vielmehr zeigt diese Fassung von "A Different World" schlicht nur besonders gut, wie man so etwas nicht machen sollte.